Das Bandonion

Das BANDONION – Genealogie

 Erfindung des wechseltönigen Instrumentes | Erweiterung | Namensgebung | Einvernahme | Weiterentwicklungen | Produktionseinstellung

Das einst schrammelige Quetschkastl, das Bandonion, hat die sinfonischen Orchester als Soloinstrument erobert. Mehr und mehr sind es Solistinnen mit der ersten Stimme. Dabei beruft es sich nicht auf seine Tradition als Volksmusikinstrument, vielmehr ist es Kunstobjekt geworden. Und dies in mehrfacher Hinsicht, zum einen, die enorme Herausforderung an die Spieler aufgrund der undidaktischen {Tonanordnung} und zum anderen, an die {Instrumentenbauer und Restauratoren} die die spezifische Klangdisposition und Tonansprache und zur Differenzierung zum Akkordeon aufrecht erhalten müssen.

        
In den Duden wird das Wort “Bandonion” erstmals 1929 aufgenommen, die spanische Schreibweise “Bandoneón” dann 1934 (ohne Akut). Obwohl der Namensgeber {Heinrich Band}* Krefelder war, der Ursprung des Bandonions liegt zwischen Chemnitz und Carlsfeld und ist eine Weiterentwicklung der sächsischen Konzertina. Die Erfindung oder Konstruktion Band zuzuschreiben wäre nicht korrekt. Der Carlsfelder Instrumentenbauer {Carl Friedrich Zimmermann (1817 – 1898)} stellte der Weltöffentlichkeit 1851 seine chromatische oktavierbare Konzertina, in Vorwegnahme der Bandschen Tonanordnung vor. Band regte als Anzeige H_Band_Konzertina UhligMusiker und Instrumentenhändler an, die Konzertina, welche er aus Sachsen bezog, in ihrem Tonumfang zu erweitern. Dabei blieb die diatonische (tonartgebunden G-D-A-E) Kernlage der Konzertinas (Ton 0 bis 13) bis heute erhalten, die neuen Töne wurden “drumherum” angeordnet und teilweise umgestimmt {siehe Faktencheck Norbert Seidel}. Damit etablierte Band, durch seine massenhaften Verkäufe, die “verquere” Tastenlage, diese wurde später „Rheinische Tonlage“ genannt. Die Namensgebung/ Umbennung der Konzertina in Bandonion verliert sich in Spekulationen, die Ersterwähnung ist für 1855 belegt.  „Heinr. Band & Comp.“ inserierte als „Fabrikant“ das Einzeltoninstrument Konzertina als “Accordion neuer Bauart”, Konzertina hätte genügt. Ihm lag es offensichtlich an der namentlichen Abgrenzung zur Verkaufsförderung oder auch um den Bezugsort vor der “handelnden” Konkurrenz zu verheimlichen. Konstruktive Veränderungen ließ Band nicht vornehmen. Diesbezüglich ist die Quellenlage so schwach, dass keine einzigen Skizzen, Patente oder konstruktive Vorgaben in den Archiven zu finden sind. Heinrich Band und seine Nachfolger A.Band/Dupont bauten nicht ein einziges Instrument.

 

Bei den wechseltönigen Bandonions setzten sich zwei Tonsysteme durch, in Deutschland das {144 tönige Einheitsbandonion} (ab 1924), welches nicht Bands Tonanordnung befolgt und in Argentinien, in Abwandlung der Bandschen Vorgabe, das {142 tönige Bandoneón}, in “Rheinischer Tonlage”. Nicht mehr strittig ist, die „Oktavstimmung“ Zimmermann zuzuschreiben, denn diese ist Grundlage der Klangwirkung des scharfen, nicht schwebenden und heute weltweit begehrten AA 142 II/II (parallele Stahlzunge auf Zinkplatte). Die vielen Tüftler/Lehrer nach Band waren an dieser Klangdisposition allerdings nicht interessiert, im Gegenteil, mehrchörige registerschaltbare Ungetüme sollten das “Non plus Ultra” darstellen, was neben der chaotischen Tonanordnung mit zum Niedergang des Instrumentes auch schon vor 1935 beitrug. Zur leichteren Erlernbarkeit wurde die Systematik des Knopfakkordeons präferiert und in „Gleichton“ gestimmt. Hier zu nennen wären Julius Zademack, {Ernst Kusserow}, Heinz Schlegel, Charles Peguri, {Olivier Manoury}. Der logische Schluss ließe zu, deren Instrumente in “Pegurion” oder “Manouryon” usw. umzubenennen, wie es Band mit der Konzertina tat.

 

Die Beliebtheit des Instrumentes wird offenbar, wenn man bedenkt, dass es in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Deutschland mehr Bandonionvereine {Sachbuch, Georg Schroll} als Fussballclubs gab. Schätzungen zufolge waren etwa 14.000 Spieler in Vereinen organisiert, die Hausmusiker nicht gezählt. Auf Fotos und Bildpostkarten aus dieser Zeit, fällt eines auf – es spielen nur Männer. Und sie spielten vor allem Heimatlieder, Operette, Walzer, Schlager, Shanties, Märsche. Mit den nationalromantischen Liedern zogen die Männer in zwei Weltkriege. Viele der Spieler kamen nicht zurück, das Instrument ward den Witwen Vermächtnis.

 

Die Vereinsbandonisten spielten gleichsam Konzertina und Bandonion innerhalb eines Vereines und dies in verschiedensten Tonanordnungen. Am Abgriff der Altinstrumente ist erkennbar, sie spielten überwiegend in der alten Kernlage der Konzertina (Töne 1 bis 13), dies können die Restauratoren bestätigen. Da bis heute, die historische wechseltönige diatonische Kernlage der „Zimmermannschen Konzertina“ sowohl im „Rheinischen“ als auch im „Einheitsbandonion“ enthalten ist, kann man schwerlich erklären, warum Heinrich Band, das Bandonion „erfunden“ haben soll.

 

Mit der Enteignung der Arnoldschen Bandonionfabrik AA in Carlsfeld 1948 verschwanden die Konstruktionsunterlagen und mit ihnen der Geist & das Know How des Bandonions. Die ehemaligen {Blosbalgnbauer} ****, nunmehr im {VEB Bandonionfabrik vorm. Alfred Arnold}, wussten in etwa noch “wos mer ner duhn misse” (was zu tun sei), um ein Bandonion zu fertigen, aber Materialbeschaffungsnot und geringe Nachfrage ließen die Produktion letztendlich 1964 unrentabel werden. Ein kulturelles Erbe des Abendlandes schien erloschen. Das Wettrennen Bandonion kontra Akkordeon hatte um 1864 begonnen und endete nach hundert Jahren mit einem guten zweiten Platz für das Bandonion mit Produktionseinstellung.

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*      LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte Rheinland
**     Bilddokumentation der Sammlung Oriwohl/Bln. durch H. Mattheß/DD
***   Bild rechts; Tonbeispiel: Konzertina gespielt von Gerhard Birnstock (1921-2007)
        Crimmitschau/Sa. – Quelle Uni Würzburg)
**** Artikel “Du” Band 57/1997 Heft 11  “Das doppelte A” v. Rolf Lambert)