Tacheles

Revision & Dekonstruktion des Erfinder-Narrativs

Begründung | Anspruch & Revision | Friedenspfeife

Inhaltsverzeichnis

  1. Begründung
  2. Status
  3. Spass an Geschichte
  4. Bestandsaufnahme Lexika/Museen/Wikipedia
  5. Absurdum
  6. Dilemmata
  7. Heinrich Bands Cup 
  8. Fiktionale Geschichte
  9. 100 Jahre im Zeitraffer
  10. Das Kuckucksei
  11. Der bescheidene Tastaturentwurf
  12. so richtig konstruktiv
  13. Verbrauchertäuschung 1880/1980
  14. Tacheles
  15. Friedenspfeife

Begründung zur Revision der Bandonion-Geschichte

 

Die aktuelle musikwissenschaftliche Deutung, die Heinrich Band die geistige Urheberschaft am Tastatursystem zuschreibt, ist aus technologischen, physikalischen und historischen Gründen unhaltbar.

 

1. Die konstruktive Primärleistung (Gelenktaste)

Die Erweiterung des Instrumentenumfangs ab 1848 (vierte Reihe) war kein grafisches Designproblem, sondern ein mechanisches Hindernis.

  • Technisches Faktum: Ab der vierten Reihe führen einfache Hebelsysteme zwangsläufig zur Verklemmung im Gehäuse. Um die Funktionsfähigkeit zu erhalten, war die innovative Entwicklung der gelenkigen Taste zwingend erforderlich.

  • Revision: Da diese mechanische Lösung im sächsischen Instrumentenbau (Uhlig/Wünsch/Reichel) entwickelt und verbaut wurde, liegt die technologische Urheberschaft in Sachsen. Ein „Tastaturentwurf“ ohne die entsprechende mechanische Lösung wäre physisch nicht realisierbar gewesen.

 

2. Die physikalische Grenze der „Umstimmung“

Das Krefelder Narrativ stützt sich oft auf die Behauptung, Band habe durch die Anordnung der Töne ein neues System geschaffen.

  • Physikalisches Faktum: Stahlzungen lassen sich nur im Halbtonbereich umstimmen. Jede größere Veränderung der Tonhöhe führt zur Materialermüdung und zum Dauerbruch der Zungen.

  • Revision: Ein grundlegend neues Tastaturlayout hätte einen kompletten Neubau der Stimmplatten und Kanzellenkörper erfordert. Da Band keine Produktion besaß, sondern fertige sächsische Ware bezog, war sein Handlungsspielraum auf minimale Nuancierungen begrenzt. Die Behauptung, er habe das System „entworfen“, widerspricht der Metallurgie und dem Fertigungsaufwand.

 

3. Namensokkupation im rechtsfreien Raum

Die [historische Quelle von David Wünsch (1890)] belegt die marketingstrategische Kaperung des Instruments.

  • Historisches Faktum: Band besetzte den Begriff „Bandonion“ in einer Zeit vor dem Markenschutzgesetz (1877). Er und seine Nachfahren brachten Schilder auf sächsischen Instrumenten an.

  • Revision: Der Markterfolg des Namens führte zu einer semantischen Enteignung der sächsischen Konstrukteure. Die Wissenschaft verwechselt heute den Erfolg des Brandings mit der Urheberschaft der Technologie. Wünschs Aussage, dass man „alle Concertinas von 88 bis 260 Tönen Bandonions nennt“, beweist, dass der Name zur Gattungsbezeichnung wurde und die sächsische Herkunft unsichtbar machte.

 

4. Konstruktive Redundanz vs. Schöpfungshöhe

Die steigenden Tonzahlen in Bands Katalogen (z. B. 130 Töne) werden oft als Beweis für seine Innovationskraft angeführt.

  • Revision: Die Erhöhung der Tonzahl ist eine quantitative Ausweitung (Bestellung durch Spieler bzw. dem Händler als Bote), keine qualitative Neuerfindung (Invention). Die mechanische Bewältigung dieses Volumens auf engstem Raum blieb die exklusive Leistung der sächsischen Konstrukteure.

 


 

Das Krefelder Narrativ vom „entscheidenden Tastaturentwurf“ ist eine lokalpatriotische Überhöhung, die die ökonomische Asymmetrie des 19. Jahrhunderts (Sachsen als Werkbank, Krefeld als Handelsplatz) ignoriert. Eine Revision ist unablässig, um die logische und mechanische Integrität des Instruments wieder seinen tatsächlichen Schöpfern – den sächsischen Instrumentenbauern – zuzuschreiben und Heinrich Band auf seine reale Rolle als geschickten Vermarkter und Namensgeber zurückzuführen.

 

Die angeblich von Band veranlassten Innovationen – sofern man sie ihm zurechnen möchte (lt. Hangebruch/Krefeld) – sind ohne fundierte Kenntnisse des damaligen Instrumentenbaus kaum korrekt einzuordnen. Damit stehen viele Aussagen auf spekulativem Grund. Die bislang dominante musikhistorische Perspektive auf das Bandonion unterschlägt maßgebliche technologische Aspekte, welche die Entwicklung dieses Instruments entscheidend prägten. Eine interdisziplinäre Herangehensweise, die das Fachwissen von Instrumentenmachermeistern einbezieht, wäre unerlässlich gewesen, um der Komplexität des Gegenstandes gerecht zu werden. Die weitgehende Ignoranz dieser Notwendigkeit zieht sich bedauerlicherweise – und oftmals dilettantisch – als roter Faden durch das Werk von Janine Krüger „Heinrich Band. Bandoneon“.

 

Worauf begründet sich die Behauptung „Heinrich Band schuf den entscheidenden Tastaturentwurf“. Eine Wort-Kreation der Musikwissenschaftlerin Dr. Janine Krüger, welche erst 2020 zur plausiblen Urheberschaftsartikulation zur Wahrung des Krefelder Lokalpatriotismus geschaffen wurde und einer Interpretation des Krefelder [Stadtarchivars Dieter Hangebruch] entspringt.

 

Reichlich 30 Jahre nach Bands Abbleben äussert sich David Wünsch (Schwiegersohn von Uhlig) in einem Artikel des Leipziger Tageblattes vom 5.10.1890, welches in der „Zeitschrift für Instrumentenbau“ (Leipzig 1891) auf Seite 19 und 21 übernommen erscheint.

 

[Originaltext Leipziger Tageblatt 5.10.1890]:

[Nachdruck in der „Zeitschrift f. Instrumentenbau“ Nr. XI 1890/91]:

Zeitschrift für Instrumentenbau.
XI. Band 1890-1891.
Officielles Organ der Berufsgenossenschaft der Musikinstrumenten-Industrie
Herausgegeben von Paul de Wit in Leipzig.

Vermischtes. S. 19, 21

 

„Zur Geschichte des Bandonions schreibt J. D. Wünsch im Leipziger Tageblatt: Ein unlängst erschienener Artikel über das Bandonion veranlaßt mich, einige darin enthaltene Unrichtigkeiten klar zu stellen und Einiges über das Instrument hinzu zufügen. Interessiren dürfte wohl, wann das Instrument erfunden ist, wer der Erfinder ist und wie es zu dem Namen Bandonion kommt. Anfangs der 30er Jahre baute C. F. Uhlig in Chemnitz die erste viereckige Harmonika. Jede Seite hatte 5 Tasten, jede Taste 2 Töne Auf diesem Instrumente konnte man schon kleine Liedchen, auch wohl ein Tänzchen spielen. 1836 wurde das Instrument mehr vervollkommnet, indem jeder Seite 5 weitere Tasten zugefügt wurden. Diese 40 Töne haben sich in ihrer Form bis heute erhalten, sind meist in A dur und E dur gestimmt, während sie anfangs für B dur und F dur eingestimmt wurden. Für dieses zweireihige Instrument wurden damals auch die ersten Schulen von mir herausgegeben. 1840 fingen wir an, dreireihige mit 56 Tönen zu bauen, deren Stimmung G-, A- und E-dur war. Durch diese Zusammenstellung war es ermöglicht, daß man die Scala im Auf- und Zudruck spielen konnte. Gleichzeitig mit diesem Instrument erschien eine von mir verfaßte Schule. Nun dauerte es auch nicht lange, so fügte man den 56 Tōnen weitere Töne hinzu und es entstanden nach einander 60-, 64- u. 76-tönige. Abnehmer dieser Instrumente war auch Heinrich Band in Crefeld, der bald Noten und Schulen zur Concertina herausgab. Auf Veranlassung von Band sowie einiger Spieler wurden nun auch Instrumente mit 88 Tönen gebaut, an denen Band einige Töne umstimmte und ein Schild mit dem Namen Bandonion anbrachte. Unter diesem Namen wurde das Instrument mehr und mehr bekannt, so daß man jetzt alle Concertinas mit 88 bis 260 Tönen Bandonions nennt. Diese Umstellung einiger Töne durch Band in Crefeld am Rhein hatte auch zur Folge, daß man diese Instrumente unter: Instrumente mit rheinischer Stimmung“ verlangte. Die Stimmung ist aber überall die gleiche nach Kammerton. Als historische Merkwürdigkeit sei noch bemerkt, daß anfangs der 50er Jahre MiB Dulken aus London hier im Gewandhause mit diesem Instrumente auftrat, wobei sie von ihrem Vater auf dem Pianoforte begleitet wurde.“

Man nehme eine Geige, stimme G > Gis, D > Des, A > Ais und E > Es, füge eine fünfte Saite hinzu – und das chaotisch klingende Resultat nennt sich dann „Fidelonion“. Der Konstrukteur: ein gewisser Herr Fidel. Was klingt wie ein humorvoller Einfall, verweist in Wahrheit auf ein ernstzunehmendes Problem innerhalb der historischen Innovationsdebatte.

 

Zahlreiche technische Erfindungen – vom Automobil über die [Glühlampe] bis hin zum Radio – haben eine gemeinsame Geschichte: Sie sind nicht nur Gegenstand technischer Entwicklung, sondern oft auch von geschichtlicher Umdeutung, Vereinnahmung oder gar Zuschreibung, die nicht auf überprüfbaren Quellen, sondern auf Wiederholung und Deutungshoheit beruhen.

 

Auch das Bandonion, mein geliebtes „Bandonion*neon“, reiht sich offenbar in diese Liste ein. Die überlieferten Informationen zu seiner Entstehung sind ebenso widersprüchlich wie die Tonanordnung des Instruments selbst. So suggeriert das „Handbuch der Instrumentenkunde“ (Bosse-Verlag, 1954), Uhlig habe 1835 bereits eine „sechseckige, 128-tönige Konzertina gebaut“. Meyers Lexikon von 1930 spricht vage von einer „verbesserten Wheatstone-Concertina“. Und wenn Frau Dr. Krüger lapidar formuliert, „Band baute einfach ein größeres Instrument aus dem Akkordeon“, wird der historische Kontext gleich ganz ausgeblendet.

 

Dabei basieren viele dieser Zuschreibungen – besonders in regional dominierten Narrativen, etwa in typischen Krefelder Artikeln>> [1] ; [2] auf Mutmaßungen. Sie beruhen auf Wiederholung, nicht auf validierten Belegen. Sachsen und seine traditionsreichen Instrumentenbaumeister der damaligen und heutigen Zeit werden in diesen Versionen der Geschichte weitgehend ausgeklammert. Warum? Weil die Deutungshoheit offenbar wichtiger ist als die rekonstruktive Genauigkeit.

 

Daher möchte ich ausdrücklich betonen, dass ein grundlegender Unterschied besteht zwischen einer konkret ausgeführten, konstruktiven baulichen Ausgestaltung und einer lediglich denkbaren, hypothetischen Idee. Eine sogenannte „Tastaturerweiterung“ – wie sie etwa im Kontext des Bandonions diskutiert wird – ist definitionsgemäß eine funktionale Ergänzung, nicht jedoch eine originäre, konstruierte Erfindung im Sinne des Patentrechts.

 

Besonders kritisch wird es, wenn solche Ergänzungen ohne nachvollziehbare eigenständige schöpferische Leistung als vollständige Innovationen deklariert werden – während gleichzeitig Indizien auf eine Übernahme fremder geistiger Vorleistungen hindeuten. In solchen Fällen ist aus urheber- wie patentrechtlicher Sicht eine sorgfältige Prüfung unerlässlich, um etwaige Schutzrechtsverletzungen oder unlautere Aneignungen festzustellen. Dies ist auch der Kern meines Anliegens: Wahrheitsfragmente zu sichern, Behauptungen zu hinterfragen und aus belegbaren Fakten ein stimmiges Bild zu formen.

 

Glaubenssätze lassen sich nicht widerlegen. Doch falls die Krefelder Archivare über geheime, detaillierte Konstruktionszeichnungen, Variantenvergleiche, Produktionsanweisungen und Investitionspläne zum Bau eines „originalen“ Bandonions verfügen – dann wäre es wohl an der Zeit, diese offenzulegen.

Fragestellung

  1. Wo sind Heinrich Bands Konstruktionsentwürfe zu bestaunen?
  2. Konnte Band überhaupt einen Prototyp „basteln“.
  3. Wer traut dem Händler und Musiker H. Band konstruktive Manipulation und detailierte Produktionsanweisungen zu?
  4. Gibt es Handels- bzw. Lieferverträge mit sächsischen Unternehmen?
  5. Existieren Verträge zu Wiederverkäufern bzw. Exportunterlagen während des 80jährigen Bestehens der Bandschen Instrumentenhandlung? 
  6. Woher bezogen die Bandschen Verwandschaftsfilialen in Mainz, Köln, NY etc. ihre Waren?

Auszüge aus dem derzeitigen Wikipediaeintrag 2025 – (Krefelder Hoster)
Quelle: [https://de.wikipedia.org/wiki/Bandoneon]

 

„Das Musikinstrument Bandoneon, ursprünglich Bandonion, ist ein von Heinrich Band konstruiertes Handzuginstrument aus der Gruppe der Harmonikainstrumente, das aus der Konzertina entwickelt worden ist.

 

Nachgewiesen ist, dass Band zunächst in Böhmen Konzertinas aufkaufte, an denen er als erster maßgebliche Veränderungen vornahm, weil er den geringen Tonumfang (54 Töne) der damaligen Konzertinas unzureichend fand. Band fertigte zuerst 64-tönige, später 88-tönige Instrumente.  

 

Das Bandoneon wurde sehr schnell über die Stadtgrenzen Krefelds hinaus in ganz Deutschland bekannt und geschätzt. Band verbesserte den Tonumfang von 106 auf 112, dann auf 128 und zuletzt auf 130 Töne.“

[https://ruhrmuseum.de/museum/…../bandoneon-mit-tragekoffer-carlsfeld-1920-1930]

„Entwickelt wurde das Bandoneon, ursprünglich Bandoneo (Schreibfehler Ruhrmuseum), Mitte des 19. Jahrhunderts von dem Musiklehrer Heinrich Band. Er gründete eine Bandoneon-Fabrik und vertrieb die Instrumente in seinem Musikaliengeschäft in Krefeld.“

Bertelsmann Lexikon 2003 [2]: „Bandoneon, eine Konzertina mit mehr als 88 Tönen, die der Krefelder Händler H. Band (*1821, †1860) seit etwa 1845 herstellen ließ.“

BI-Elementar-Lexikon Leipzig 1985 [1]: „Bandonion n: kaum noch gebräuchl. Handharmonika mit Knöpfen für Melodie und Begleitung; 1846 von H. Band aus der Konzertina entwickelt.“

Bandonion & Concertinafabrik Klingenthal [https://bandonionfabrik.de/geschichte.html]


„Bereits 1854 wurde das von Heinrich Band im Jahr 1847 erfundene Bandonion von Carl Friedrich Zimmermann in Carlsfeld/Sachsen gebaut.“   ……. 
 
„Als Erfinder des Bandonions gilt aber Heinrich Band, der 1843 in Krefeld ein Geschäft für Musikinstrumentenlehre und -handel gründet. Er nimmt die entscheidenden Veränderungen an der Concertina vor, die zur „Geburt” des Bandonions führen. Das neue Instrument wird von ihm zunächst „Accordion” genannt.“

meyer 1878
1878 >> "Bandoneon"
meyer 1930
"verbesserte Wheatstone"
Instrumentenkunde 1954
heilloses Durcheinander
Wörterbuch Musik 1977
schon nicht schlecht bis auf "Bandonium" & nicht halbierten "Tonumfang"
Practische Schule 1850 Vorwort
Bands Vorwort 1850
Zimmermanns Vorwort 1851
Bandonion Erstveröffentlichung 1857
Bands offizielle Nennung 1857 "Bandonion"
Vorwort_Johann_Band_Schule_1861
Vorwort Johann Band 1861

Wenn wir uns die Ordnungsgrafik anschauen, sehen wir auf der Familienebene nur Konzertina und Akkordeon. Und noch in der Artebene bleibt ein Akkordeon, egal in welcher Aussführung, immer noch ein Akkordeon.

 

Schauen wir uns ein Kusserow-Bandonion an, merken wir, dass die einst dem Bandschen Bandonion zugeordneten Tastatur-Merkmale überhaupt nicht enthalten sind. Im Kusserow, Pégury, Manoury, Birken, usw. sind nur die baulichen Merkmale der Konzertina enthalten. Man müsste diese Instrumente in ihrer Art gattungsfrei der Familie Konzertina zurechnen. Ihre Eigennamen wären Kusserownion, Pégurion, Birkonion etc. wie es mit dem Chromatiphon und der Symphonetta u.a. zu eigenständigen Artnamen gekommen ist. Beispiel: das „Chromatiphon ist eine gleichtönige Konzertina“ mit  Tastaturanordnung nach Hugo Stark.

 

Als logischen Schluss läßt sich daraus herleiten, dass wenn man Band einen Tastaturentwurf zumutet, dürfte nur die 88tönige Concertina (bzw. damals noch Accordion genannt) als Bandonion benannt werden. Alle späteren „Vervollkommnungen“ und Tastaturerweiterungen haben mit Band nichts mehr zu tun.

1. [Accordion] Heinrich Band bezeichnete die von ihm gehandelte ‚German Concertina‘ wissentlich, absichtslos oder dilettantisch als „Accordion“. Der Musikwissenschaftlerin Dr. Janine Krüger unterstelle ich Absicht, den Zuhörer glauben zu lassen, das Bandonion sei aus dem Accordion „entwickelt“. Da darf ich von einer Wissenschaftlerin mehr erwarten als gezielte Desinformation

 

2. [Namens-Adaption] Es ist verständlich, dass der zwanzig jahrelang gebräuchliche aber ‚unpassende‘ Name Accordion längst hätte geändert werden müssen, zumal das richtige Akkordeon eigene Wege beschritt. Während andere Instrumentenhändler schon den Namen <Concertina> oder wenigstens <chromatische Harmonika> gebrauchen, versucht Band noch kurz vor seinem Tode den ichbezogenen Namen ‚Bandonion‘ als Vermächtnis einzuführen. Was mindestens seinen Nachfahren gelingt – das Dilemma nimmt seinen Lauf, die Heiligsprechung ist nicht mehr aufzuhalten.

 

3. [Patent] Nach damaliger und heutiger Ansicht erlangt eine (im speziellen mangelhafte unlogische) „Tastaturerweiterung“ keine Patentstärke.

 

4. [Instrumentenvergleiche] Es ist widersinnig, wenn Frau Dr. Krüger sächsische Instrumente mit sächsischen Instrumenten vergleicht. Dabei die Exportausführungen der mit ‚Band‘ etikettierten Instrumente mit absonderlich folkloristischen Namen betitelt und die aus der gleichen Produktionsquelle stammenden als Konkurrenzmodelle bezeichnet. Damit soll die qualitative Überlegenheit von Bandonions aus Bandscher Produktion (die es freilich nicht gibt) hervorgehoben werden.

 

5. [Recherchearbeit] Es ist Frau Dr. Krügers umfangreicher und hochrespektabler Recherchearbeit zu verdanken, die Spur zum Hauptlieferanten nach Waldheim bzw. Roßwein/Sa. für Bandonions ins Rheinland ausfindig gemacht zu haben. Sie bringt damit C.F. Reichel, der im Jahr der „Anzeige“ von 1850 seine Konkurrenzfirma zu Uhlig ebenfalls in Chemnitz gründet, ins Spiel. Am Produktionsstandort Waldheim/Sa. waren in Folge mehrere Instrumentenbauer (Seifert, Bässler u.a.) zu unterschiedlichen Zeiten ansässig.

 

Es wird zukünftige Nachforschung erforderlich sein, um sich ein genaues Abbild dieses Leistungszentrums und Hochburg des Instrumentenbaus vor 1900 zu verschaffen. Die Produktionszahlen sprechen eine enorme konstruktive, technologische und innovative Sprache, welche das bisherige Geschichtsbild verändern werden. Zu keiner Zeit und an keinem Ort ist im geringsten vergleichbares aus dem Rheinland bekannt – wie kann es sein, dass die Reise des Bandonions „aus dem niederrheinischen Krefeld in die Welt“ begonnen haben soll?

 

 

Die Krefelder Legende (Artikel z.T. KI generiert)

 
Was wissen wir wirklich über Bands Rolle?
  • Nachweislich gründet Heinrich Band 1843 seine Instrumentenhandlung bzw. übernimmt diese und handelt mit Accordions (Konzertinas) aus Sachsen. 1857 wird Begriff „Bandonion“ von Band selbst veröffentlicht – zunächst für in Sachsen gefertigte Instrumente.
  • In seinen erhaltenen Katalogen oder Anzeigen ist keine Beschreibung einer eigenen Tastenanordnung dokumentiert.
  • Die heute als „rheinisches System“ bekannte 142-tönige Anordnung wurde erst um 1910 nachweislich verwendet, vermutlich von Ernst Louis Arnold (ELA) in Carlsfeld entwickelt – lange nach Bands Tod (1860).
  • Auch die Begriffe „rheinisches System“ und „chromatisches Bandonion“ tauchen erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Katalogen und Werbematerialien auf.
 
Woher stammt also der Irrtum?

Der Irrtum hat sich über Jahrzehnte durch populärwissenschaftliche Literatur und unkritische Wiederholungen eingeschlichen. Viele Autoren haben aus der Tatsache, dass Band dem Instrument seinen Namen gab, fälschlich abgeleitet, er hätte auch maßgebliche technische Entwicklungen beeinflusst.

 
Statuierung:
  • Heinrich Band hat weder das Instrument erfunden noch ein neues Tastensystem entwickelt.
  • Sein Beitrag bestand im Handel, der Namensgebung „Bandonion“ und der Popularisierung einer bestimmten Bauweise im Rheinland.
  • Die Annahme, er habe das „rheinische System“ geschaffen, ist eine historisch nicht belegte Legende.

 

Die Geschichte des Bandonions ist eng mit dem Namen Heinrich Band (1821–1860) verbunden. In zahlreichen Nachschlagewerken und populären Darstellungen wird Band als Erfinder des Instruments genannt. Eine eingehende Analyse der Quellenlage legt jedoch nahe, dass diese Zuschreibung auf Missverständnissen und unkritischer Weitergabe basiert. Vielmehr lässt sich zeigen, dass Band weder an der konstruktiven Entwicklung der Konzertina beteiligt war noch eigenständige technische Innovationen hervorbrachte. Sein „Coup“ bestand vielmehr in der erfolgreichen Einführung des Markennamens „Bandonion“, der sich bald im gesamten deutschen Sprachraum etablierte.

 

Heinrich Band führte in seiner Krefelder Musikalienhandlung ein Vollsortiment, wie es im 19. Jahrhundert üblich war. Seit 1843 gehörte dazu auch die sächsische Einzelton-„Concertina“, ein von C.F. Uhlig entwickeltes Instrument ohne gekoppelte Akkorde. Als Lieferanten Bands kommen insbesondere drei sächsische Hersteller in Frage:

  • Carl Friedrich Uhlig (Chemnitz), der 1834 das Einzeltoninstrument „Accordion neuer Bauart“ einführte und in England um 1840 die Bezeichnung „German Concertina“ erwarb;

  • Carl Friedrich Zimmermann (Carlsfeld), der ab 1847 ebenfalls Concertinas fertigte;

  • Christian Friedrich Reichel (Chemnitz/Waldheim), der 1850 seine eigene Werkstatt eröffnete. Reichel war Uhligs Stiefsohn, erlernte das Handwerk bei diesem und machte sich mit 39 Jahren selbstständig.

 

Nach der Firmengründung Reichels im Verlauf des Jahres 1850 veröffentlichte Heinrich Band im Dezember desselben Jahres eine Anzeige, in der er seine „durch eine neue Erfindung vervollkommneten Accordien“ bewarb. Wir wissen es ist nicht das später geläufige Akkordeon gemeint sondern die „German Concertina“.

Bei genauer Analyse enthält der Text ein bemerkenswertes Paradoxon: 88-tönige Instrumente werden zweimal genannt, jedoch in unterschiedlichen Zusammenhängen. Zum einen spricht Band von Instrumenten „mit neuer Construction in rundem und achteckigem Format von 88 bis 104 Tönen“. Zum anderen verweist er auf seine „bekannten 20- bis 88-tönigen Accordions“, die er weiterhin zur „gefälligen Abnahme“ empfiehlt.

Diese doppelte Nennung legt nahe, dass sich die „neue Construction“ nicht primär auf den Tonumfang bezieht, sondern vor allem auf die Bauform. Die runde und achteckige Gestalt wird als eigentliche Neuerung hervorgehoben, während der Tonumfang von 88 Tönen bereits zuvor etabliert war. Die Erweiterung bis 104 Töne stellt demnach lediglich eine quantitative Steigerung dar, nicht aber zwingend eine gattungsmäßige oder konstruktive Zäsur.

Unter dieser Lesart kann auch ein 104-töniges Instrument weiterhin als Chemnitzer Concertina verstanden werden. Für diese Einordnung ist es unerheblich, ob der jeweilige Lieferant Uhlig, Reichel oder Zimmermann war. Entscheidend ist, dass Band in der Anzeige weder eine neue Tastaturordnung noch eine neue instrumentale Gattung definiert, sondern ausschließlich auf Form und Umfang verweist.

Bemerkenswert ist zudem, dass Band sich auch hier nicht als „Erfinder“ positioniert. Die Formulierung „durch eine neue Erfindung vervollkommnet“ bleibt bewusst unpersönlich und lässt die Urheberschaft offen. Sie ist damit eindeutig von späteren Zuschreibungen zu trennen, die Band eine originäre Erfinderrolle zuschreiben.

Diese Sprachpraxis korrespondiert mit der Formulierung im Vorwort zur zweiten Auflage der Practischen Schule, in dem es heißt:
„Seit jener Zeit ließ sich derselbe es sich angelegen sein, die Accordien durch eine practischere Tonlage und in verschiedenen anderen Beziehungen zu vervollkommnen.“ Auch hier wird kein einzelner, klar benannter Erfinder hervorgehoben, sondern ein fortlaufender Prozess der Verbesserung beschrieben, dessen Urheberschaft bewusst unscharf bleibt.

Diese Passage wurde vielfach als Beleg für Bands angebliche Rolle als Entwickler der Bandonion-Tastatur interpretiert. Doch die Aussage ist sprachlich mehrdeutig: Das Pronomen „derselbe“ ist indifferent und kann sich sowohl auf Band, Uhlig als auch auf Zimmermann beziehen, was die Grundlage der Deutung ins Wanken bringt. Daher ist diese Quelle nicht geeignet, um Bands Mitwirkung an der technischen Evolution des Instruments zu belegen. Diese taucht wiederholt in späteren Tutoren auf. So z. B. 1861 bei Johann Band in Köln.

Quelle: Practische Schule, 2. Aufl. 1850, Vorwort.

 

Reichel Anzeige 1856

Bereits 1856, also ein Jahr bevor Band offiziell den Begriff Bandonion einführt, bewarb C.F. Reichel/Waldheim ein 100-töniges „Accordion“, das dem 100tönigen Bandonion entspricht. Reichel präsentierte seine Instrumente auf Gewerbeschauen in London und München, ohne dass es zu rechtlichen Einwänden seitens Band kam. Daraus lässt sich schließen, dass Band keine Schutzrechte auf technische Innovationen beanspruchte oder gar besaß.
Quellen: Anzeige Reichels, 1856 (Musikinstrumentenarchiv Markneukirchen), Gewerbeausstellungskataloge, London & München

 

Die entscheidende Leistung Bands liegt nicht in der Konstruktion, sondern in der Marktstrategie. In einer Zeit, in der der Begriff „Accordion“ inflationär gebraucht wurde, setzte Band ab 1857 den Begriff „Bandonion“ durch – abgeleitet von seinem eigenen Namen. Während andere Hersteller wie Uhlig („German Concertina“, 1846) oder Zimmermann („Concertina“, 1851) bereits Klassenbegriffe etablierten, gelang Band die Namens-Okkupation mit ungewöhnlicher Durchsetzungskraft.

In England ließ Band 1857 (?) den Begriff „Patent-Bandonion“ nach eigenen Angaben patentieren. Die erfolgreiche Etablierung des Begriffs machte die Bandsche Familiendynastie im deutschen Rheinland zu zentralen Akteuren im Vertrieb des Instruments. Quelle: Hinweis auf englisches Markenregister (1857); Sekundär: Krüger; Historische Handelsanzeigen.

 

Die Bezeichnung Band als Erfinder des Bandonions beruht auf einer historischen Fehlinterpretation. Weder technische Entwicklungen noch Instrumentenbau lassen sich ihm zurechnen. Seine Rolle bestand darin, die Produkte anderer – insbesondere Reichels – erfolgreich zu vertreiben und durch eine clevere Wortmarkenstrategie dauerhaft im kollektiven Gedächtnis zu verankern.


 

Literaturverzeichnis
  • Krüger, Marianne: Zur Geschichte des Bandonions (manuskriptiert, Archivunterlagen, DDR 1980er).

  • Kahlert, Helmut et al.: Lexikon des Musikinstrumentenbaus. Leipzig: VEB Deutscher Verlag für Musik.

  • Practische Schule für Bandonion. 2. Auflage, Krefeld, 1850.

  • Anzeigen von Heinrich Band (1850) und C.F. Reichel (1856), digitalisiert in der Deutschen Digitalen Bibliothek.

  • Musikinstrumentenmuseum Markneukirchen, Berlin: Sammlung sächsischer Concertinas und Bandonions.

  • Kataloge der Weltausstellungen in London (1851) und München (1854/58).

Bertelsmann Lexikon 2003 [2]: „Bandoneon, eine Konzertina mit mehr als 88 Tönen, die der Krefelder Händler H. Band (*1821, †1860) seit etwa 1845 herstellen ließ.“

 

Fiktive Auszüge aus Korrespondenzen und Verhandlungsgesprächen
(Unterstreichungen sind nachweisbare Indizien)

links Uhligs 88tönige Concertina

 

Variante 1.) Band zu Uhlig: „Herr Uhlig danke für ihr neues Tastaturarrangement mit der vierten Hilfsreihe. Auch wenn ich verstehe, dass Sie damit Ihre Urintension verlassen, werden sich meine Kunden über die ’neuen halben Töne‘ doch sehr dankbar erweisen.“ Uhlig: „Ja, danke Herr Band. Diese Entwicklung haben Sie aber eher meinem Stiefsohn zu verdanken, der mich schon seit Jahren damit nervt, doch endlich chromatische Töne einzustimmen. Der möchte sich ohnehin von mir lösen und seinen eigenen Geschäften nachgehen.“ Band: „Ach, gut zu wissen.“

 

Variante 2.) Band & Reichel bei einem Treffen in Chemnitz 1849: „Herr Reichel, mir ist zu Ohren gekommen, dass sie beabsichtigen in den Bau von größeren Accordions zu investieren und beabsichtigen eine neue Manufaktur zu gründen. Wie Sie wissen, kaufe ich seit Jahren bei ihrem Vater Accordions die die Engländer schon läger „German Concertinas“ nennen. Ihr Stiefvater möchte diese immer noch Accordion nennen und davon auch nicht abweichen. Doch das respektiere ich, vor allem, ob der Ausführungsqualität. Dennoch möchte er, trotz großer Bitten meiner Kunden, keine noch größeren als die vierreihigen Instrumente bauen und darüberhinaus seine Fertigungslinien nicht umstellen. Dieser Zimmermann hat doch auch schon 108 Töne unterbekommen.“ Darauf Reichel: „Herr Band sie haben doch eine eigene Fabrik, warum machen es nicht einfach selbst?“ Band: „Äh, das ist, äh, damit unsere werte Kundschaft glaubt, äh, nein, können wir gerade nicht.“ Reichel: „Aha, na ich will sehen, was sich da machen lässt, sie sagten 500 bis 800 Stück? Bauen wir in der Regel innerhalb einer Woche. Dann frage ich mal unsere Werkmeister wie wir noch mehr Töne unterkriegen. Wir tüfteln ohnehin gerade an runden, sechs- & achteckigen Gehäusen und Gelenkpuppen für weitere Tastenreihen. Haben sie diesbezüglich Wünsche oder können wir ihnen etwas vorschlagen?“ Band: „Hah, darüber denke ich schon seit Jahren nach und finde keine praktische Lösung aber schauen sie mal , ob sie die „doppelte Fis-Taste“ irgenwie anders lösen. Also, das ‚Wie‘ überlasse ich ihnen, wo eben Platz ist. Aber, belassen Sie die alte Uhligsche Kernlage, die brauchen meine Altkunden. Ach noch eins – nennen Sie doch das Instrument vorerst <Bandanino>“.

 

Variante 3.) Band zu Reichel: „Sie hatten im letzten Brief eine neue Erfindung angekündigt, geht es da nur um die Gehäuseform oder ist da noch mehr Neues? Und sagen Sie, ist denn der Name „Concertina“ gar nicht geschützt? Reichel: „nicht das ich wüsste, dennoch sollten wir uns vom „Accordion“ langsam verabschieden, die Engländer nennen es schon seit zehn Jahren ‚German Concertina‘, sogar in deren Kolonien.“ Band: „Achso, dann habe ich da schon so eine Idee.“

 

Variante 4.) Kunde zu Band: „Herr Band sie haben mir doch ein Accordion verkauft“ Band: „Ja – ein Exportmodell aus Sachsen, beste Ausführung“ Kunde: „Herr Band, da sind aber keine Akkorde gekoppelt“ Band: Mmh, ich weiß – aber mein Produzent traut sich nicht den Namen zu ändern, er meint das ‚Akkordieren‘ müsste schon jeder verstehen“. Kunde zu Band: „also der Schmitz um die Ecke nennt es Concertina und bei einem Besuch in Leipzig las ich sogar chromatische Harmonika. Haben sie diese auch im Angebot?“ Band: „Da werde ich mal bei unserem Lieferanten nachfragen, guten Tag noch.“

 

Variante 5.) Band zu Zimmermann: „Moin, ein Kunde von mir sprach von chromatischen Concertinas. Könnte ich da mal ein Probemodell bestellen? Auch benötige ich die dazugehörige Tabulatur/Schule, einmal genügt.“ Zimmermann „aber gern“. Vier Wochen später in einem Brief von Band: „Hiermit Bestellung von 1200 Exemplaren Ihrer neuen ‚Concertina‘. Vor der Balgklappe ist mit BANDONION zu kennzeichnen. Etikettieren tun wir selbst.“ Zimmermann: „Die Lieferung ginge klar, aber die Instrumente heißen schon länger CONCERTINA. Daher muss ich von solch‘ Sonderwunsch absehen.“ Band zwei Wochen später: „Werter Herr Zimmermann, wir haben uns aus gutem Grunde für das preislich unschlagbare Angebot von Herrn Reichel entschieden. Wir sind an langjährigen Lieferverträgen interessiert, doch wie ich hörte, überlegen Sie Auszuwandern. Daher wünsche ich Ihnen gute Reise und bedanke mich für die bisherige Zusammenarbeit.“

 

So oder ähnlich kann und wird es sich zugetragen haben, freilich nicht ganz so hochdeutsch. Schon immer waren solche Aufträge ein Eingriff in die bestehenden Fertigungsroutinen aber, wenn der Kunde nicht allzu „nörgelig“ ist und es sich lohnt, machbar. Ein Tastaturentwurf vom Kunden taugt nichts, wenn er über keine konstruktiven Kenntnisse verfügt und an der Machbarkeitsstudie scheitert. Wir wissen, Uhlig wollte seine „Fertigungslinien“ und sein in sich schlüssiges Tonsystem nicht umstellen. Also ist es wahrscheinlich, dass H. Band in Sachsen Instrumentenbauer „abklapperte“, mit der Bitte ihm doch größere Instrumente anzubieten, um den Wünschen seiner spielenden Kundschaft nachzukommen. Er wurde bei Reichel fündig, der runde und achteckige „Accordions“ im Angebot hatte und gerade seine Instrumente „vervollkommnete“ und 1850 in Chemnitz seine Produktion aufnahm. Und ob und wie innerhalb der sächsischen Instrumentenbauergilde „gekupfert“ wurde oder aber ein interdisziplinärer Wissensaustausch stattfand, wissen wir nicht.

 

Früher und heute bauten und bauen die Instrumentenmacher auf Kundenwunsch. So wünscht sich ein Kunde eine Tastaturerweiterung der 142tönigen „Rheinischen Tonlage“ im Diskant „unten rum“ ab F > Fis > G > Gis und „oben raus“ noch A > Bb > H > C; gern gleichtönig und auch plausibel. Wegen einem Stück, mmh, so eine Sache – ab 1000 Stk. Abnahme gern, dann allerdings nur noch mit Wunsch-Namen. Nur ausgedacht? Nein, während der großen Exporterfolge der goldenen Zwanziger Jahre nach Nord- u. Südamerika beauftragte Hohner den Bandonionproduzenten ELA: „Herr Arnold, nennen Sie es <Echo> und <Tango>“ und vergessen Sie nicht mit „Hohner“ zu etikettieren, bei Bands Sohn haben sie es doch auch gemacht“.

 

Und es gibt noch einen elementaren Unterschied zwischen einem Instrumentenbauer und einem Händler – das ist die Vorratshaltung. Ein Instrumentenbauer baut nach Auftragslage (das ist bis heute so). Ein Händler analysiert das Risiko des Wiederverkaufs, kauft daher größere Margen, um einen „guten“ Preis zu erzielen. Wenn Band inseriert „bei uns vorrathig“, dann ist das eines der stärksten Indizien, dass Band kein einziges Instrument baute.

 
  • Buschmann baut einen Balg zwischen Stimmplattengehäuse, nennt dies „Handäoline“
  • Demian erfindet ein „halbes Accordion“ und stimmt ganze Akkorde ein
  • der Engländer Wheatstone [7] patentiert ein chromatisch gleichtöniges Spielsyteme 
  • Uhlig baut ebenfalls Kasten links, Basstöne < Balg > Kasten rechts, Diskanttöne – stimmt wechseltönig und Tonreihen diatonisch in Terzen. Er nennt 1834 seinen quadratischen Instrumenten-Entwurf „Accordion neuer Art“, so wurde es von Band in Inseraten bis 1855 auch verwendet
  • Uhlig/Wünsch fertigen um 1836 die zweite diatonische Reihe
  • um 1840 nachweislicheExporte nach England, Polen, Amerika
  • der Begriff „German-Concertina“ erscheint 1846 in einem englischen Tutor für „Twenty and ten Keys“ [4]
  • um 1843-46 die dritte Reihe kommt und weiterer Ausbau auf 56, 64, 76tönige Instrumente
  • lt. Frau Dr. Janine Krüger etikettiert Heinrich Band in seiner Krefelder Werkstatt gekaufte Instrumente mit seinem Namen (Vermutung s. Buch Fussnote 39)
  • im Verlauf des Jahres 1850 gründet C.F. Reichel seine Firma in Chemnitz
  • Dez. 1850 Band (Anzeige) „durch eine neue Erfindung …haben wir unsere Accordien vervollkommnet und diese Instrumente mit neuer Construction in rund und achteckig in 88-104 Tönen vorrathig…und bisherige 20 bis 88tönige…“
  • Zimmermann stellt 1851 seine 108tönige chromatische Concertina mit Octavdruck auf der Weltausstellung in London vor
  • 1855 Band (Anzeige) bewirbt gekaufte Concertinas/Accordions als „Bandaninos“ –  (unwahrscheinlicher Schreibfehler, da in anderen Publikation wiederholt, aber gern als Anekdote erzählt) 
  • 1855 in einem Freundesbrief wird sich für ein „Bandonion“ bedankt
  • 1856 Schmitz (Krefelder Instrumentenhändler) erste gedruckte Namensveröffentlichung in einer Anzeige „Concertina … auch Bandonion genannt“
  • 1857 Erstveröffentlichung durch Band selbst >> „Bandonion“
  • 1860 Band verstirbt – Bands Witwe verkauft nur noch „Bandonions aus e i g e n e r Fabrik“
  • ab 1864 bis um 1900 vollzieht ELA/Carlsfeld den Vollausbau zum 142tönigen „Rheinischen“ Bandoneon
  • Bands Nachfahren bekommen ab 1900 offenbar keine größeren Produktionskapazitäten mehr in Sachsen und verlieren ihren Sonderstatus extragefertigter eckkantiger Exportmodelle
  • die gebrochene „Lyraecke“ hat sich durchgesetzt, das Selbstbewusstsein der Harmonikaproduzenten spielt Alfred Bands „Markenkleben“ nicht mehr mit und man offeriert schon länger unter eigenem Namen auf den Balgklappenschildern (Zeuner, ELA, AA usw.)
  • unzählige Tastaturentwürfe: Zademack, Micklitz, Stark, Pegury, Kusserow u.a. räumen das chaotische System auf und bauen gleichtönige didaktische Instrumente in konstruktiven Merkmalen der Konzertina
  • Konzil des Bundesverbandes kreiert 1924 das 144tönige Einheits-Bandonion & die 128tönige Einheitskonzertina
  • AA und ELA übernehmen fast komplett den Export nach Südamerika, andere wie Hohner wollen partizipieren, wiederholen Bands Markenkleberei und labeln ELA-Instrumente.
  • Ebenfalls gute Instrumente exportieren Meinel & Herold und wenige andere (möglich wird das, weil die Arbeitsteilung in verschiedenste Gewerke zur Herstellung der Baugruppen Gehäuse, Köpfe, Stimmplatten, Balgbau, Beschläge usw. weit fortgeschritten ist. Daher kann ab 1910 fast jeder halbwegs versierte und ambitionierte Instrumentenmacher im Deutschen Reich Bandonions bauen, sofern er zugriff auf die Zulieferer bekommt >> z.B. auch AA bezieht seine Gehäuse und geht damit in die Endfertigung) 

 

Antrieb der Fortentwicklung des Instrumentes war und ist das eigentliche geschichtliche Vermächtnis bis zum heutigen Tag, den Interventionen und Anforderungen der Musiker nachzukommen. Die „erfinderischen“ Leistungen als auch die immerwährende Investition in die Produktion und Verbesserung von Bandonions fanden und finden in Sachsen statt.

<Zitate aus dem Video>:
Dr. Janine Krüger „…er [Heinrich Band] hat aus dem „Accordion“ einfach ein größeres Instrument gebaut..“ – „…und es stehen noch Zahlen über den Knöpfen, man kann ohne Notenkenntnisse … ein Instrument lernen“.

 

Der OBM Krefelds F. Meyer: „…ein Instrument was aus unserer Stadt stammt…

 

Gabriele König Kulturreferentin: „…ich kenne sonst keine Stadt, die sich tatsächlich ein Instrument zu eigen machen kann, …es kommt tatsächlich hier her „[Krefeld].

Uhligs Urintension: „ein systematisch zu spielendes und mittels Zahlen/Symbole einfach zu lernendes Instrument zu bauen“ wird kurzerhand auf Band übertragen.

 

Krefeld besteht darauf, dass das Instrument Bandonion seinen „Weg vom Rheinland hinaus in die Welt“ nahm, also auch nach Sachsen. Welch‘ phantasievolle Geschichtsbeugung oder anders gesagt „Error – unerlaubter Zirkelbezug“.  Nein, Bandonions kommen nicht aus Krefeld. Alle von der Bandschen Händler-Dynastie verkauften Instrumente kommen aus Sachsen und sind gelabelte fremdproduzierte eingekaufte Waren. 

 

„sämtliche von mir gefertigten Bandonion“
Nicht nur Heinrich Band selbst und sein Sohn sondern auch sein Bruder Johann, der in Köln eine Filiale betrieb, unterlag der Dreistigkeit sich ausdrücklich als Hersteller darzustellen, wie man dem Vorwort der „Practischen Schule“ von 1861 entnehmen kann. Kurios ist der enthaltene Hinweis auf „Nachahmungen“:

 

„Sämtliche von mir gefertigte Bandonion tragen die Bezeichnung J. Band & Comp. in Cöln, worauf umso mehr aufmerksam gemacht wird, da es vorgekommen, dass dieselben in Format und in der von mir eingerichteten Ton und Tastenstellung möglichst genau nachgemacht worden sind, wohingegen die grösste Verschiedenheit in der Dauerhaftigkeit und sorgfältigen innern Construction, namentlich in den Vorrichtungen für die Tonbildung und zum leichten und gleichmässigen Ansprechen der Töne besteht.“

 

Offenbar ist, dass man sich im Bandschen Clan untereinander abschrieb. Um sich Reputation in der Kundschaft zu verschaffen, scheint es interne Absprachen gegeben zu haben, denn gleichlautende Wortwahl ist auch bei Bands Witwe/Dupont und noch später bei Bands Sohn Alfred zu verzeichnen.  

 

In Vorworten Bandscher Schulen kommt es zur einer sprachlichen Ungenauigkeit gegenüber dem Accordion, welche Frau Dr. Krüger gern in Kameras oder in Interviews äußert und den Zuhörer in dem Glauben belässt, Band habe aus dem Accordion (dem länglichen, was nicht Uhligsche Concertina ist) das Bandonion konstruiert: 
„Verbesserungen, welche, gegen die Mangelhaftigkeit der ursprünglich länglichen Harmonika oder Accordion verglichen, das Instrument als ein ganz anderes erscheinen lassen. Das auf diesem neuen Instrumente, welches man, um Verwechslungen mit jenem vorzubeugen, Bandonion (in England <Patent-Bandonion>) genannt hat“.

 

Nein, Band baute nicht „einfach“ ein größeres Instrument und schon gar nicht aus dem länglichen ‚Accordion‘. Und wenn Frau Krüger die Begrifflichkeit „Accordion“ verwenden möchte, dann muß zwingend auch der Uhligsche Nachsatz „neuer (Bau)Art“ genannt werden, ansonsten wird jedweder Laie ihre Expertenaussage in Frage stellen. „Accordieren“ war zu dieser Zeit gebräuchlich und meint, durch Drücken von mindestens drei Tasten, nämlich Grundton, Terz, Quinte wird ein Akkord gebildet. So verstand es Uhlig und so auch Band.

 

Es bleibt lediglich Behauptung, dass Band bei Fremd- bzw. Auftragsfirmen veranlasste, einzelne Töne der vorhandenen deutschen Konzertina „umzustimmen“, Belege/Notizen/Protokolle/Anweisungen sind bisher nicht auffindbar.

 

Woraus leiten die Krefelder ihre Erfindungshoheit ab? 

1890/1891 ein Ar­ti­kel von Uh­ligs Schwie­ger­sohn Jo­hann Da­vid Wünsch (1814–1895) aus dem Leip­zi­ger Ta­ge­blatt (40 Jahre nach Hörensagen):  [„…auf Ver­an­las­sung von Band so­wie ei­ni­ger Spie­ler wur­den nun auch In­stru­men­te mit 88 Tö­nen ge­baut, an de­nen Band ei­ni­ge Tö­ne um­stimm­te und ein Schild mit dem Na­men Ban­do­ni­on an­brach­te…“] [5]

 

Ist das der entscheidende Tastaturentwurf ?

 

Die Umstimmung meint z.B. das doppelte „Fis“ zu „Gis“ der Taste 8 in der Chemnitzer Concertina. Auch schon im 64tönigen Bandonion, mit identischer Tastenlage der Konzertina ist diese „Umstimmung“ zu verzeichnen. Und damit sind wir mittendrin im Dilemma. Von außen und innen ist ein 64tönige Uhligsches Accordion (resp. Concertina) nicht vom 64tönigen Bandonion zu unterscheiden, es sei denn, man spielt die Tastatur an und hört eben auf Taste 8 im Aufzug ein Gis statt einem Fis. Dies nennt Frau Dr. Krüger den „entscheidenden Tastaturentwurf“. Hierzu hat der Münchner Norbert Seidel einen fundierten [Faktencheck] erarbeitet, welcher für Interessierte einzusehen ist.

 

Der Wunsch nach Tastaturerweiterung wurde zweifelsfrei auch von rheinländischen Spielern an Heinrich Band herangetragen. Und man kann davon ausgehen, dass dies deutschlandweit geschah. Doch wir müssen genauer „hinhören“. Umstimmen, das heißt, direkt die Stahlzunge befeilen, um diese einen Halb- oder Ganzton zu erhöhen oder erniedrigen. Mehr ist nicht „rauszuholen“ und würde zum Dauerbruch führen. Neue Töne benötigen einen Neubau der gesamten Stimmplatte, der Stimmstöcke, der Grundplatte und Einpassen der Tastaturanlage. Meine Behauptung: das war Band konstruktiv und technologisch nicht möglich! Was meinen Sie, meine Herren Geuns, Fuhrich, Wallschläger, Skala, Heveling?

 

Die {Recherchearbeit des Münchners Norbert Seidel} legt den Schluss nahe, dass der Carlsfelder Carl Friedrich Zimmermann [6] die Erweiterung des Tonumfanges der deutschen Konzertina vorgenommen hat. Oder war es Reichel. Beide haben bei Uhlig gelernt.

 

Es gibt keinen Bandschen Prototyp! Die Instrumentenentwicklung können wir nur anhand der in Sachsen gefertigten Originalinstrumente, aus der Zeit von 1821 bis 1855, nachvollziehen. Es war alles funktionierend schon da, der Kasten, der Balg, die runden Tasten, das Hebelwerk/Befederung/Dichtung/Dämpfung, die Stimmplatten, die Oktavierung, die Aufteilung in Bass und Diskant (im Gegensatz zu Wheatstone [7]), die diatonische (tonartgebundene), teilweise chromatische (Intervall kleine Sekunde) aber wechseltönige Tonanordnung. Was fehlte war ein Patent, weil das deutsche Patentamt [8] erst 1877 eröffnete. Die Bands machten sich dies zu Nutze und gingen forsch in die Vermarktung, sie waren weder Instrumentenmacher noch Konstrukteure und inserierten hochstapelnd als Fabrikanten.

 

Zuförderst sollte der Text S. 72 aus Statistik und Lage der Industrie und des Handels im Königreich Sachsen 1864 unbedingt zum „besseren Verständnis“ gelesen werden!

 

Bässler, Seifert, Thiele, Bischoff, Wiesner, König, Reichelt, Zeuner, Burkhard, ELA, Alfred Arnold, Arno Arnold, Birnstock [9] und viele andere sind „tatsächliche“ Bandonion- und Konzertinahersteller. Was kann man von Erfindern bzw. Produzenten abverlangen? Neben der beschriebenen Arbeitsteilung braucht es:

 

– metallurgische EXPERIMENTE mit den Legierungen der Stahl-, damals auch Messingzungen,
– Zungenformen, Zungenstärke, Schliff, Beschwerung (Blei, Lot, Wachs etc.)
– die Durchbiegung- und Ansprechverhalten der Zungen [10],
– Tonveränderung bei Druckunterschieden, 
– Kanal- & Hebelöffnungsweiten,
– zu den Druck- & Größenverhältnisse in den Stimmstöcken,
– verschiedene Variantenvergleiche zu didaktischen Mensuren,
– Ventilierung, Abdichtungen
– Gängigkeit und Lagerung der Hebelmechanik, Gelenktasten
– ergonomische Anordnung und Federdruck der Tasten,
– Balgentwicklung Knicktest, Dauerbruch,
– Leime und Kleber
– Beschläge, Schrauben, Nägel
– Tests zur Materialdauerfestigkeit und
– technologische Vorgaben zur Arbeitsteilung, Materialbeschaffung, die sozialen Attitüden jedweder Produktion.

 


Bands Witwe und ein Zigarrenhändler namens Dupont übernahmen wenige Tage nach Heinrich Bands Ableben vorerst die Geschäfte, wobei 2/3 der Einnahmen lt. Vertrag Herrn Dupont zustanden. In Katalogen oder in Anzeigen wird keine „Abgrenzung“ zwischen den Instrumenten geäußert, sondern ein und dasselbe Instrument: „Das BANDONION auch Concertina oder Accordion genannt“. Doch ’schneiden‘ sie dann bis zur Geschäftsaufgabe auf und behaupten „aus e i g e n e r Fabrikation“. Bands Sohn „Alfred der Etikettierer“ labelte ab 1882 die sächsischen Export-Instrumente mit seinem Namen und gab sich weiterhin als Fabrikant aus.

Die Musikwissenschaftlerin Frau Dr. Krüger ist der Meinung, das war so üblich und braucht Band und seinen Nachfahren nicht angelastet werden. Doch genau aus diesem Grund wurde 1891 das [Madrider Abkommen über die Unterdrückung falscher Herkunftsangaben auf Waren] vereinbart. Diese Machenschaft wird bis heute umgangen mit der freundlichen Aufschrift: „hergestellt für“.

Leider gibt es keine Aufzeichnungen oder Verträge zwischen Instrumentenfabrikanten und den Bands, aus denen die Handelsmodi, Einkaufspreise, Vertrags- & Verschwiegenheitspflichten mit den „Ostdeutschen Herstellern“ zu entnehmen wären. 

[„Die Erfolgsgeschichte des Versandhauses Quelle steht exemplarisch für die wirtschaftliche Verflechtung zwischen westdeutschen Unternehmen und dem Billiglohnland DDR. Eine Kooperation, von der die westdeutschen Kunden nichts ahnten und dessen Ausmaß sich auch die ostdeutschen Angestellten in den volkseigenen Betrieben und Kombinaten nicht vorstellen konnten.“]   Oh, sorry anderes Thema:  [www.mdr.de/geschichte/west-und-ost-ddr-produkte]

Bandonion: Die adaptierte Concertina – Sächsische Innovation versus rheinische Etikettenfälschung

Das Bandonion, heute Symbol für den Tango, wird in Krefeld als lokale Erfindung zelebriert. Offizielle Vertreter der Stadt suggerieren bis heute eine historische Urheberschaft Heinrich Bands. Doch die Quellenlage entlarvt diesen Mythos als geschickte Marketing-Blase: Das Bandonion ist im Kern die sukzessive Erweiterung der deutschen Concertina, deren Ursprung ohne jeden Zweifel im sächsischen Musikinstrumentenbau liegt. Heinrich Band war kein Erfinder, sondern ein Profiteur, der fremdes geistiges Eigentum durch systematische Verbrauchertäuschung monopolisierte.

 

Der Quantensprung: Die Eröffnung der vierten Reihe

Der wahre technologische Durchbruch in der Entwicklungsgeschichte der Deutschen Konzertina ist die „Eröffnung der vierten Reihe“. Während die Evolution des Instruments oft als lineare Folge von Knopfzahlen dargestellt wird, markiert dieser Schritt die eigentliche Zäsur. Ungeachtet der Frage, ob die Innovation auf namentlich bekannte oder einen unbekannten Instrumentenmacher zurückgeht, eine Urheberschaft Heinrich Bands ist auszuschließen.

 

1. Warum die vierte Reihe der Wendepunkt ist

Die Entwicklung von der frühen Konzertina (ursprünglich ein-, zwei-, dann dreireihig) hin zur vierten Reihe markiert den entscheidenden Übergang von einem rein diatonischen, volkstümlichen Begleitinstrument zu einem vollchromatischen Konzertinstrument.

  • Logik des Systems: Die ersten drei Reihen folgten der Kernlogik der Tonanordnung. Die vierte Reihe fungierte als essenzieller „Lückenschluss“ für alle Halbtöne.
  • Musikalische Emanzipation: Erst durch diese vierte Ebene wurde das tonale Spektrum über mehrere Oktaven hinweg komplett und ermöglichte komplexe Modulationen in allen Tonarten.

 

2. Die bauliche Komponente: Skalierung statt Neuerfindung

Nach diesem Quantensprung stellt jede weitere Reihe keine originäre konzeptionelle Herausforderung mehr dar, sondern lediglich einen erweiterten baulichen Aufwand:

  • Modularität: Das Hinzufügen einer fünften oder sechsten Reihe ist lediglich eine quantitative Skalierung des bestehenden Prinzips.
  • Handwerkliche Präzision: Weg von der Frage „Wie ordne ich Töne logisch an?“, hin zu der Frage „Wie bringe ich über 70 Tasten auf engstem Raum unter, ohne dass die Hebel kollidieren?“. Die Herausforderung bestand nur noch darin, die Mechanik auf engstem Raum präzise zu fertigen – ein technisches Problem, aber keine qualitative Neuerfindung.

3. Heinrich Band: Aneignung statt Eigenleistung

Bandonion Erstveröffentlichung 1857

Heinrich Band, ein Krefelder Musikverleger und -händler, erkannte Mitte des 19. Jahrhunderts das Potenzial dieser sächsischen Instrumente für den bürgerlichen Musikmarkt im Westen. Band bestellte Instrumente in Sachsen, versah sie mit seinem eigenen Namen und verbreitete sie als Produkte „aus eigener Fabrikation“. Diese explizite Verbrauchertäuschung diente dazu, eine Urheberschaft vorzutäuschen, die faktisch nicht existierte. Er nutzte das Fehlen eines einheitlichen Patentrechts und die wirtschaftliche Abhängigkeit der sächsischen Zulieferer schamlos aus. Während er sich medial inszenierte, blieb die konstruktive Pionierarbeit der „stillen Meister“ in Sachsen im Verborgenen.

 

Band veröffentlichte eine „Practische Schule für das Bandonion“. Bemerkenswert ist seine Behauptung, alle von ihm stammenden Instrumente trügen seinen Namen, um sich gegen Nachahmung zu schützen – obwohl bis heute keine konstruktive Eigenleistung Bands belegbar ist. Ein Patenteintrag für einen eigenen Tastaturentwurf fehlt gänzlich; lt. Eigenaussage Bands wurde eine bisher nicht bestätigte Wortmarke unter dem Titel „Patent-Bandonion“ in England registriert.

 

4. Warum das Schweigen der sächsischen Meister?

Warum ließen sich die sächsischen Instrumentenbauer diese Aneignung durch einen Händler gefallen? Die Gründe liegen in einem komplexen Geflecht historischer Asymmetrien:

  • Rechtliches Vakuum: Vor 1877 war das Patentrecht in Deutschland nicht einheitlich. Es gab keine Mechanismen, um geringfügige technische Erweiterungen wie modifizierte Tastaturlayouts effektiv zu schützen.
  • Wirtschaftliche Zwänge: Trotz schon vorhandener Exportquoten nach England, agierten die sächsischen Handwerksbetriebe aus wirtschaftlicher Not als Zulieferer. Sie waren auf potente Händler wie Band angewiesen. Eine Konfrontation hätte den Verlust eines lebenswichtigen Absatzmarktes bedeutet.
  • Mediale Reichweite: Während Reichel und Zimmermann als stille Meister im Hintergrund agierten, inszenierte sich Band öffentlichkeitswirksam durch Publikationen und Markenbildung.
  • Politische Ungleichheit: Nach der gescheiterten Revolution von 1848 dominierte der Westen wirtschaftlich, während das „ostdeutsche Hinterland“ Rohprodukte und technische Innovationen lieferte, deren kultureller Mehrwert oft andernorts beansprucht wurde.

 

5. Reminiszenz: „Band hat’s vergeigt – er hätte es tun können“

20 Tage nach dem Ableben von Heinrich Band übernahm die Witwe Johanna Band mit einem Zigarrenhändler namens Dupont die Geschäfte und ab 1888 dann ihr Sohn. Dieser war nicht mehr so zimperlich wie der Vater (der „nur“ seinen Namen aufklebte) und ließ auf jedes gekaufte Instrument die Blechmarke „A.Band,Crefeld Bandonion-Fabrik“ anbringen. 

 

Die späteren Versuche eine aufgeräumte logische Tastatur zu etablieren, scheiterten alle an den massenhaften Verkäufen der „unsäglichen Tastatur“ (Zitat Oriwohl) des Rheinischen und Einheitsbandonions (ab 1924). Wieder „umlernen“ wollte keiner. Egal ob Bandonion oder Concertina, es wurde ohnehin in der alten Kernlage von Uhlig/Zimmermann gespielt. Die erweiterten Tastaturen blieben „nach vielen Übungsstunden der Verzweiflung“ ambitionierten Spielern vorenthalten. Falls Ihr liebe Lesende, mal auf einen Wechselton-Bandoneonspieler treffen solltet, bittet ihn, das eben gehörte Stück nur einen „halben Ton tiefer“ zu spielen. Ihr werdet zu hören bekommen: „oh, ich habe noch einen Termin“. Deshalb sind in der heutigen Zeit die Gleichtoninstrumente auf dem Vormarsch, vor allem für Spieler, welche zuvor Akkordeon gelernt haben.

 

Heinrich Band hätte spätestens nach dem 6ten „irgendwohin“ verlegten Ton intervenieren müssen und eine didaktische Tastaturanlage „erfinden“ können und dieses Palaver um die Erfinderhoheit würde nicht stattfinden. 

 

6. Tacheles – Keine Erfindung, sondern eine feindliche Übernahme

Das Bandonion ist keine Krefelder Erfindung. Es ist eine sächsische Innovation, die im Rheinland lediglich einen neuen Namen und ein verfälschtes Ursprungszeugnis erhielt. Die oft zitierte „Krefelder Leistung“ entpuppt sich bei genauer Analyse als eine rein kaufmännische Aneignung fremder Leistungen, gepaart mit einer geschickten Markenpolitik. Heinrich Band schuf weder den Klang noch die Mechanik; er besetzte lediglich die Schnittstelle zum Kunden mit der Behauptung einer eigenen Fabrikation. Die handwerkliche und konzeptionelle Geburtsstunde des Bandonions – insbesondere der Quantensprung der vierten Reihe – gehört allein der sächsischen Instrumentenbau-Tradition.

{<<< hier geht’s zur Geschichte des Bandonions >>>}

Ein ehrlicher Kassensturz – Warum wir das Bandonion gemeinsam feiern sollten

 

Liebe Freunde im Erzgebirge, liebe Nachbarn am Niederrhein,

es ist an der Zeit, die Karten offen auf den Tisch zu legen. Wenn wir uns die historischen Fakten ansehen – von den sächsischen Exportstatistiken bis zu den Krefelder Zeitungsanzeigen –, müssen wir zugeben: Das bisherige Narrativ vom „Erfinder Heinrich Band“ war ein meisterhaft gezimmertes Kartenhaus. Wir sollten es heute gemeinsam kontrolliert einreißen, um Platz für ein Fundament zu machen, das der Wahrheit standhält.

 

Die Analyse: Sächsische Substanz trifft rheinische Chuzpe

Wissenschaftlich betrachtet gibt es wenig Interpretationsspielraum:

  1. Die industrielle Wahrheit: Sachsen war die Werkbank und das Hirn. Während in aus Sachsen wöchentlich Hunderte Instrumente vom Stapel liefen, war Krefeld musikalisch gesehen eher ein Schaufenster. Die technische Evolution, die das Bandonion von der Konzertina abhob, gipfelte in der „vierten Reihe“. Diese „vierte Reihe“ ist die eigentliche Grenze – die technische „Border“, die erst die Komplexität ermöglichte, die wir heute mit dem Namen Bandonion verbinden. Und diese Grenze wurde im Erzgebirge gezogen, nicht an der Seidenstraße.
  2. Der egozentrische Geniestreich: Heinrich Band war kein Konstrukteur, sondern ein kühler Strategist. Sein „Geniestreich“ war die nominale Annexion. Er nahm die sächsische Innovation inklusive der „vierten Reihe“, taufte sie „Bandonion“ und deklarierte sich als Fabrikant. Das war kein Betrug im klassischen Sinn, sondern ein unternehmerischer Alleingang, um sich ein künstliches Monopol zu sichern. Er lieferte die Marke für ein Produkt, das er selbst nicht hätte bauen können.

 

Mit rheinischem Humor und sächsischer Gelassenheit

An die Krefelder: Lassen wir die Kirche am Schwanenmarkt. Wir haben das Rad nicht erfunden, wir haben nur ein schickes Logo draufgeklebt und so getan, als hätten wir den Motor selbst gefeilt. Dass unser Heinrich die „vierte Reihe“ als seine „neue Construction“ verkaufte, war purer Egozentrismus – aber eben auch verdammt cleveres Personal Branding. Wir sollten stolz auf unseren „Filou“ sein, aber anerkennen: Ohne sächsische Wertarbeit hätte Band nur heiße Luft verkauft.

 

An die Sachsen: Ihr könnt das mit der sprichwörtlichen Gelassenheit des Erzgebirglers sehen. Ihr habt die Hardware geliefert, die heute in Buenos Aires die Welt bewegt. Dass ein rheinischer Händler die Grenze zur „vierten Reihe“ überschritt und das Ganze einfach nach sich selbst benannte, war der entscheidende Export-Katalysator. Ohne Bands egozentrisches Etikett wäre eure „Konzertina“ vielleicht eine lokale Spezialität geblieben – so aber wurde sie, unter fremder Flagge, zur Weltikone.

 

Das Fazit: Eine Symbiose der Gegensätze

Hören wir auf, uns über Erfinder-Zertifikate zu streiten. Heinrich Band hat das Instrument nicht geschaffen, aber er hat es „getauft“. Er war der Pate, der sich beim Festmahl ein bisschen zu breitbeinig hingesetzt hat, während die sächsischen Meister in der Werkstatt die eigentliche Schöpfung vollbrachten.

 

Heute wissen wir: Das Bandonion braucht beide. Es braucht die sächsische Präzision, die ab der „vierten Reihe“ zum Vollausbau führte, und es braucht den rheinischen Mythos, der dem Kind den Namen gab.

 

Lassen wir den Stolz des Handwerks und den Stolz des Vermarkters verschmelzen. Sachsen liefert das Herz, Krefeld liefert die Legende. Und die Welt liefert den Tango.

 

In diesem Sinne: Glück Auf und Helau!