Konzertina- & Bandonionvereine

Konzertina- & Bandonionvereine

Das Instrument der Arbeiterschaft und des „kleinen Mannes“.

Bandonion-Vereinskultur von 1874 bis 1964 –
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on den sächsischen Pionieren bis zu Rheinischen Revieren

 

Lange bevor das Bandonion zum Weltsymbol des Tangos wurde, war es das Identitätsmerkmal der deutschen Industrie-Proletarier. Es war nicht den bürgerlich Wohlhabenden vorbehalten und fand bei Gesellen und Industriearbeitern, ob der anfänglich leicht zu erlernenden Diatonie schnelle Verbreitung. Es war eine „Hochkultur von unten“, die in den Bergbau- und Textilmetropolen ihre Blüte erlebte. Entgegen moderner Mythen lag das Zentrum der Bandonion-Kultur nicht am Niederrhein, sondern in den Industrierevieren Sachsens und des Ruhrgebiets. 

 

Die Behauptung die Krefelder Salonkultur (1840–1860), wie in Krügers schönem Buch „H.Band -Bandoneon“ von 2020 beschrieben, als Keimzelle der Bandonionbewegung anzusehen, wird durch die reale Chronologie der Vereinsgeschichte widerlegt. Tatsächlich bildeten sich Ende des 19. Jahrhunderts zwei völlig andere Kraftzentren heraus: Sachsen übernahm mit der Chemnitzer Vereinsgründung 1874 und dem späteren Zentrum Leipzig die unangefochtene Pionierrolle. Parallel dazu entwickelte sich das Ruhrgebiet zum massenwirksamen Ballungsraum der Bewegung. Dass der erste Krefelder Club 1923 entstand, beweist, dass die Stadt keine Ursprungsinitiative für die Bandonionvereine war, sondern eine späte Randerscheinung. Die sächsische Substanz wird hier lediglich durch eine geschickte, aber historisch entkoppelte Krefelder Traditionsbildung überlagert.“

 

  1. Die sächsische Wiege der deutschen Vereinsbewegung
    Sachsen war der technologische und organisatorische Motor der Bewegung, die sich rasch auf ganz Deutschland und darüberhinaus bis ins Baltikum ausbreitete.
  2. Symbol-Notation: 1834 entwickelte Carl Friedrich Uhlig in Chemnitz die Urkonzertina. Er schuf gleichzeitig die Grundlage für das Musizieren ohne Noten, was bereits vor 1840 im Tutor von Höselbarth/C schriftlich fixiert wurde.
  3. Die Geburtsstunde der Vereine (1874): In Chemnitz wurde 1874 der erste Bandonionclub Deutschlands gegründet 
  4. Leipzig als Bandonionhauptstadt: In den 1920/30er Jahren erreichte die Bewegung hier ihren Gipfel mit 63 registrierten aktiven Vereinen. Sicherlich auch der Popularität von „Walter Pörschmann“ geschuldet, dessen Vater einen Instrumentenhandel betrieb.
  5. Das „Bergarbeiterklavier“ im Ruhrgebiet (um 1900)
    Während Städte wie Krefeld erst 1923 ihren ersten Club verzeichneten, war das Ruhrgebiet bereits um die Jahrhundertwende vom Bandonion-Fieber gepackt.
  6. Die Revier-Kultur: In Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und den umliegenden Zechenkolonien entstanden rege Vereinskulturen. Für die Kumpel unter Tage war das Instrument – oft „Quetsche“ genannt – der wichtigste soziale Anker.
  7. Anwendung und Präferierung der „Wäscheleinen-Notation“: In den rauen Bedingungen des Reviers war die einfache von Uhlig ingeführte Griffschrift (Zahlen auf Linien) der Schlüssel zum Erfolg. Sie ermöglichte es, nach der Schicht ohne langes Studium gemeinsam im Orchester zu spielen.
  8. Die „Rheinische“ Konfusion: Während ab 1924 in deutschen Bandonionvereinen auf 144töniges „Einheitsbandonion“ umgelernt wurde, blieb das um 1910 von ELA (Carlsfeld) fertiggestellte 142-tönige „Rheinische“ Modell im Pott als Referenzlayout beibehalten. Dieses „Beibehalten“ wiederholte sich parallel in Lateinamerika. Siehe Leitartikel das „Rheinische“ auf der Startseite.
  9. NS-Gleichschaltung (1933) – Zerschlagung und Verdrängung
    Das Ende dieser Massenkultur wurde durch zwei Faktoren besiegelt. Die Nationalsozialisten lösten die Arbeitermusikvereine im Ruhrgebiet und in Sachsen mit mehr oder weniger politischer Gewalt und mit „Einschwörung auf die neue Zeit“ auf. Um weiter nach stringenten Vorgaben „was und wann“ spielen zu dürfen, blieb Vereinen keine Alternative als sich der Reichsmusikkammer zwangsweise anzugliedern. Die politische und soziale Kraft der Vereine wurde gebrochen. In den Vereinszeitschriften häuften sich die Todesanzeigen virtuoser Spieler, welche den „Heldentod“ in einem sinnlosen Krieg starben und deren Instrumente den Witwen Vermächtnis ward. 
  10. Der Siegeszug des Akkordeons: Schon während des 2ten Weltkrieg setzte sich das Akkordeon an der „klingenden Front“ durch. Da es gleichtönig und mit Standardbass-Automatik ausgestattet ist, war es wesentlich leichter zu erlernen als das wechseltönige Bandonion.
  11. Mit der Einstellung der Bandonion-Produktion in Sachsen im Jahr 1964 verlor die Bewegung ihr industrielles Rückgrat. Was blieb, war die Erinnerung an eine Zeit, in der das Bandonion in den Hinterhöfen von Chemnitz, Leipzig, Dresden und den Zechenhaussiedlungen des Ruhrgebiets den Ton angab. Heute gibt es nur noch ganz wenige hochbetagte Spielvereine mit kargem Nachwuchs, da die gepflegte traditionelle Spielweise von der anhaltenden Popularität des Tangos nur „träumen“ kann.
Die verstummte Quetsche: Bandonionvereine im Würgegriff der Gleichschaltung (1933–1941)

 

Es ist eine der tragischsten Ironien der deutschen Musikgeschichte: Das Bandonion, einst als „Bergarbeiterklavier“ das stolze Symbol sächsischer und ruhrdeutscher Arbeitersolidarität, wurde ab 1933 systematisch seiner sozialen Wurzeln beraubt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten endete die Ära der freien Bandonionvereine. Was folgte, war ein Prozess der „Gleichschaltung“, der mal mit brutaler Gewalt, oft aber als „freiwillig erzwungene“ Selbstauflösung oder Eingliederung stattfand.

 

Der Blick in die Fachzeitschrift „Gut Ton“ verdeutlicht diesen rasanten ideologischen Klimawandel. Während das Blatt 1933 noch vorsichtig den „neuen Staat“ begrüßte, ist die Ausgabe von 1941 ein Dokument der totalen Instrumentalisierung. Der Sprachgebrauch hat sich fundamental gewandelt: Musik ist kein individuelles Vergnügen oder Ausdruck kollektiver Identität mehr, sondern eine „kulturpolitische Aufgabe“.

 

Professor Dr. Gotthold Frotscher schreibt im Novemberheft 1941 bezeichnenderweise über die „Hausmusik als kulturpolitische Aufgabe“. Er wettert gegen die „Periode einer liberalistischen Kunstübung“ – gemeint ist die Freiheit der Weimarer Jahre – und fordert stattdessen eine Musik, die dem „völkischen Aufbau“ dient. Das Bandonion wurde aus dem Dunstkreis der Arbeiterkneipen und Gewerkschaftshäuser gerissen und in das Korsett der Reichsmusikkammer (RMK) gezwängt. Wer weiterspielen wollte, musste sich fügen; wer politisch unliebsam war – wie viele Mitglieder der sächsischen Arbeitermusikbewegung –, wurde verboten.

 

Diese Instrumentalisierung der Volksmusik hatte ein klares Ziel: Die emotionale Mobilisierung. Die einstigen sozialen Ankerpunkte der Zechenkolonien wurden zu Zellen der „Truppenbetreuung“ und der „klingenden Front“ umfunktioniert. Doch die Ideologie konnte die praktische Vernunft nicht besiegen: Das komplexe, wechseltönige Bandonion, das jahrelanges Üben in der Gemeinschaft erforderte, passte nicht in die Dynamik des Krieges. An der Front und in der schnellen Ausbildung setzte sich das gleichtönige Akkordeon durch – leichter zu erlernen, effizienter in der Propaganda.

 

In den Jahrgängen der frühen 1940er Jahre wird das Dilemma zwischen den Zeilen sichtbar. Während sächsische Traditionsbetriebe wie Birnstock (Crimmitschau) oder Wunderlich (Siebenbrunn) in den Anzeigen noch immer ihre Instrumente anpreisen, füllen sich die redaktionellen Teile mit Durchhalteparolen. Die Vereine, ihrer politischen Kraft beraubt und personell durch die Einberufungen an die Front ausgeblutet, wurden zu bloßen Statisten einer staatlich verordneten „deutschen Innerlichkeit“.

 

Was 1874 in Chemnitz als stolze Pionierleistung begann, wurde unter der Diktatur zur nostalgischen Kulisse degradiert. Die Gleichschaltung vernichtete nicht nur die Vereine als Organisationen, sondern zerstörte den Kern des Bandonionspiels: die soziale Autonomie. Als 1964 in Sachsen die Produktion eingestellt wurde, war dies nur der letzte Akt eines Sterbens, das bereits 1933 mit dem Verlust der Freiheit begonnen hatte.

 


 

Quellenbelege zur Kolumne:

  • Gut Ton, Nr. 12/1933: Leitartikel zur Einordnung der Harmonika-Musik in den „neuen Staat“.

  • Gut Ton, Nr. 11/1941: Leitartikel von Prof. Dr. Gotthold Frotscher über die „Hausmusik als kulturpolitische Aufgabe“ und die Verächtlichmachung des „liberalistischen“ Musikbetriebs.

  • Reichsmusikkammer (RMK): Verordnungen zur Eingliederung der Volksmusikverbände (1933/34).

  • Anzeigenverzeichnis 1941: Belege für die Fortführung sächsischer Instrumentenbaubetriebe (M&H, ELA, AA, Birnstock, Wunderlich usw.) unter Kriegsbedingungen.

Jahrbuch GT 1942
Gefreiter Pörschmann